Warum positiv Denken zu keiner positiven Geburt führt.

Geburt und positiv Denken

Du kennst den gut gemeinten Ratschlag: „Mach dir nicht zu viele Gedanken über die Geburt. Das wird gut werden, du wirst sehen. Frauen bringen schon seit zigtausenden von Jahren Kinder auf die Welt. Das Wichtigste, was du für deine Geburt machen kannst, ist: Denk immer positiv!“

Und vielleicht hast du das auch schon selbst probiert: positiv denken, gerade in Momenten, in denen es dir schlecht geht oder du in einer schier endlosen Negativschleife festhängst. Denn es heisst doch auch so schön und vor allem so schön einfach: Think positive and positive things will happen.

Pinterest ist voll von hübschen Think Positive Kärtchen

Und klar, es gibt nicht nur Theorien sondern auch jede Menge schöner Sprüche in den sozialen Medien (allen voran auf Pinterest), die dir suggerieren: wenn du nur fest genug daran glaubst, dann wird es wahr werden. 

Demnach müssten alle Geburtserfahrung schöne und positive Erfahrungen sein. Und die Geburten müssten alle in kurzer Zeit erfolgt sein, völlig schmerzlos und ohne Komplikationen. Zumindest wenn positiv Denken und fest daran glaube ausreichen für eine schöne Geburt ausreichen. Mir kommt nämlich spontan keine Frau in den Sinn, die sich eine komplikationsreiche, langwierige und schwierige Geburt wünscht, die am Ende in einem Notkaiserschnitt endet. 

Also vielleicht muss man sich einfach noch mehr anstrengen und noch mehr positiv denken?

Ich sag mal so: mit deinen Worten und Gedanken kannst du deine Einstellung und Überzeugung lenken – ich bin an anderer Stelle bereits darauf eingegangen. Und deine Gedanken lenken und steuern auch dein Gefühlsleben. Think Positive ist grundsätzlich also nicht verkehrt.

Warum reicht positiv Denken allein aber nicht aus, um eine schöne und positive Geburt erleben zu können?

Betrachten wir doch einfach zwei, drei Beispiele:

Dein Chef verpasst dir eine üble Standpauke, er macht dich so richtig nieder. Denkst du dann? Ich bin stets positiv und sehe das Gute in allem.

Du verbrennst deine Hand auf der heissen Herdplatte. Was kommt dir als erstes in den Sinn? Ich lass die Hand liegen und mach mich erst mal locker. Was könnte jetzt der positive Aspekt an dieser Situation sein?

Du erhältst von deinem Frauenarzt die Nachricht, dass dein Fruchtwassergehalt zu niedrig ist. Deine Reaktion? Mein Leben ist das, was ich daraus mache. Meine Herangehensweise an Dinge verändert die Dinge selbst.

Der Sympathikus und seine Auswirkungen

In allen drei Situationen (und in vielen anderen mehr) springt ganz automatisch unser Sympathikus-System an. Dessen Funktion und Auswirkung auf die Geburt habe ich bereits in einem Artikel beschrieben, in dem es um die richtige Atmung während der Geburt geht. Der Sympathikus ist Teil unseres vegetativen Nervensystems und aktiviert den „fight-or-flight“-Modus, also Angriff oder Flucht. Er agiert unwillentlich, das heisst er lässt sich allein mit dem Willen nicht beeinflussen. 

Dass der Sympathikus aktiviert ist, merkst du daran, dass dein Blutdruck steigt, dein Körper sich verspannt und stattdessen die Denk- und Blasenfunktion heruntergefahren werden. Macht ja auch Sinn: denn als wir noch in Höhlen gelebt haben, war die Flucht vor dem Säbelzahntiger erstmal wichtiger als ein gemütlicher Besuch der Toilette. Da musste man einfach Prioritäten setzen.

Gefühle haben ihre Gründe

Zurück zu Geburt und positivem Denken. Es gibt immer einen guten Grund, warum du so fühlst und denkst, wie du es tust. Das bedeutet, wenn du grossen Respekt vor deiner Geburt hast, dir Sorgen machst ob alles gut gehen wird, du Angst vor den Schmerzen hast oder vor einem Notkaiserschnitt, dann ist das völlig in Ordnung. Und im Übrigen auch ziemlich normal. 

Denn deine Sorgen und Ängste sind zwar unangenehm, doch sie haben auch eine sehr wichtige Funktion: sie sollen dich dazu bringen, dass du dich um dich sorgst, dich kümmerst und dich mit deinen unangenehmen Gefühlen auseinandersetzt. Sie sind nicht dazu da, dass du sie mit einem „happy face“ überspielst – also „übergehst“. Manche Ereignisse im Leben sind einfach bescheuert. Gestehe dir zu, dass du dann traurig, verärgert, betroffen, besorgt etc. bist.

Think Positive kann Druck machen

Dazu kommt ein weiterer Aspekt des Think Positive, das dich nur noch mehr unter Druck setzen wird. Spätestens dann, wenn du spürst, dass positives Denken dich keinen Schritt zufriedener und unbesorgter macht, kommt ein Gefühl der Verzweiflung und Unfähigkeit dazu. Wieso schaffe ich es nicht, dass es mir besser geht? Die Negativspirale dreht weiter ihre Runden.

Was du stattdessen tun kannst

Schritt 1: Sei lieb und gut zu dir selbst und vor allem darfst du nachsichtig mit dir sein. Es ist völlig normal, mit gemischten oder negativen Gefühlen an die bevorstehende Geburt zu denken. Versuche bitte nicht, Ratschlägen von aussen eine zu grosse Beachtung zu schenken; sie sind gut gemeint, kommen aber sehr wahrscheinlich von Personen, die sich gerade nicht in der gleichen Situation befinden wie du.

Schritt 2: Informiere dich über den typischen Verlauf einer Geburt. Bereite dich körperlich und mental auf diese Herausforderung vor. Dadurch baust du das Selbstvertrauen in dich und deine „Gebärfähigkeit“ auf. Es wird dir helfen, dich selbstbestimmt zu fühlen. Zudem wirst du dabei erkennen, vor was du Angst hast oder wo deine Sorgen liegen.

Schritt 3: Hol dir Unterstützung, zum Beispiel im Zuge deiner Geburtsvorbereitung oder von einem Hypnosecoach, um deine unangenehmen Gefühle anzuschauen, ernst zu nehmen und sie für die Geburt zu bearbeiten.

Wann positiv Denken für die Geburt angebracht ist

Finde ich positives Denken per se unangebracht und ohne Nutzen? Ganz und gar nicht. Es muss nur an der richtigen Stelle platziert werden. Wenn du dich gut vorbereitet fühlst, wenn also die Grundlage kraftvoll und selbstbewusst ist, dann wird das positive Denken super hilfreich sein, um dich mental stark durch die Herausforderung zu begleiten. Positives Denken allein führt nicht automatisch zu einer positiv empfundenen Geburt; nur wenn die Grundlage stimmt, kann es das Sahnehäubchen sein.

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